Ein Autor*innenpreis, ein Übersetzer*innenpreis und ein Publikumspreis

Seit 2008 stiften der Saarländische Rundfunk und das Saarländische Staatstheater mit der Unterstützung der Freunde des Saarländischen Staatstheaters einen Autor*innenpreis in Höhe von 3.000 Euro. 2017 kam ein Übersetzer*innenpreis in Höhe von 1.000 Euro dazu. In diesem Jahr werden diese beiden Preise zum ersten Mal durch eine Fachjury vergeben, die ihre Entscheidung mwährend der Preisverleihung kurz begründen wird. So kann der Übersetzer*innenpreis, der bisher an den Autor*innenpreis gekoppelt war, unabhängig von der Beurteilung des Stückes vergeben werden, was der Übersetzung die ihr angemessene Wertschätzung verleiht.

Die Jurorinnen der Fachjury für dieses Jahr sind:

• Christa Hohmann (Lektorin beim Verlag Felix Bloch Erben, Berlin)

• Anne Legill (Les Théâtres de la Ville de Luxembourg)

• Prof. Dr. Patricia Oster-Stierle (Lehrstuhl Französische Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlands,Saarbrücken)

Was dem Publikum am besten gefallen hat, interessiert natürlich trotzdem alle – deshalb wird es in diesem Jahr noch einen dritten Preis für das »Lieblingsstück« des Publikums geben – als Gesamtbewertung für Text und Regie.

Jurybegründung zum Autor*innen- und Übersetzer*innenpreis im Festival Primeurs 2019

Zur Preisverleihung am Abend des 30.11.2019 verlasen die drei Jurorinnen der Fachjury, bestehend aus Christa Hohmann (Lektorin beim Verlag Felix Bloch Erben, Berlin), Anne Legill (Les Théâtres de la Ville de Luxembourg) und Prof. Dr. Patricia Oster-Stierle (Lehrstuhl Französische Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlands) folgende Begründung ihrer Entscheidung:

„Wir hatten heute ein sehr beglückendes Jury-Treffen, bei dem wir festgestellt haben, dass wir alle drei große Freude an der mutigen Auswahl, dem großen Formenreichtum, den spannenden Theatersprachen und den gesellschaftsrelevanten Themen hatten. Insbesondere durch das Format der Autofiktion haben sehr persönliche Stimmen, Sprachen und Themen ihren Raum auf der Bühne bekommen.

Der großen Diversität haben wir uns mit folgenden Kriterien gestellt:

  1. Thematische und gesellschaftliche Relevanz der Geschichte
  2. Sprachliche und formale Qualität
  3. Theatralität

Überraschenderweise waren wir uns sehr schnell einig, dass es einen Text gibt, der uns alle drei in besonderem Maße bewegt, reizt, herausfordert und Lust macht, ihn in vielen unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne zu sehen, ob Studiobühne, großes Haus, ob als Monolog oder als Ensemblestück.

Der Rechtsruck bzw. der erstarkende Konservatismus wird in diesem Text aus einer ganz persönlichen Sicht, die selten repräsentiert wird - nämlich aus der Perspektive einer Mutter - erzählt und verhandelt, ohne Zeigefinger und mit großer Empathie für die Figuren. Die Autorin richtet ein Brennglas auf eine Familie der Mittelschicht, die inmitten gesellschaftlicher Veränderungen zerbricht.

Der Text arbeitet dabei sowohl mit erzählerischen als auch dialogischen Passagen, lässt aber auch seine Protagonistin das Publikum direkt adressieren – mit Fragen, die sehr individuell und persönlich sind, und einen großen emotionalen Raum eröffnen.

Kaum merklich sickert das Politische ins Private, nimmt immer mehr Raum ein und führt schließlich – ganz wie in der klassischen Tragödie – zur Zerstörung des Mikrokosmos‘ Familie: dem Tod des Sohnes.
Und hiermit haben wir nun auch den Titel des diesjährigen Gewinnerstückes genannt: „Der Sohn“: Der Primeurs-Autor*innenpreis 2019 geht an Marine Bachelot Nguyen – herzlichen Glückwunsch!   

Nun kommen wir zum Übersetzer*innenpreis:

Alle sechs Übersetzungen haben ein sehr hohes Niveau und deshalb ist es uns die Entscheidung schwer gefallen und letztlich haben wir keine eindeutige Entscheidung getroffen:

Wir haben zwei Übersetzungen ausgewählt, deren Originale sehr unterschiedlich sind und ganz andere Herausforderungen an eine*n Übersetzer*in stellen. Beide Übersetzungen haben unseren drei Kriterien voll entsprochen, welche waren:

  1. Der Sound
  2. Die Sprechbarkeit auf der Bühne
  3. Der interkulturelle Transfer

Bei der Lektüre haben beide Übersetzungen eine Kraft und einen schönen Fluss; beide haben sich gewisse Freiheiten genommen und es sind in diesem Sinne mutige Übersetzungen, die eine eigene Handschrift entwickelt haben.

Der eine Originaltext ist ein philosophischer, sprachlich sehr anspruchsvoller Text, bei dem die Sprache und ihr Rhythmus im Mittelpunkt stehen.
Der andere lebt von einer dezidiert mündlichen Alltagssprachlichkeit, die trotz ihrer Knappheit Bilder und Erfahrungsräume öffnet.
Wir gratulieren Christian Driesen und Franziska Baur für ihre Übersetzungen von „Steve Jobs“ von Alban Lefranc und für „Elise - Ein ganzes Feld an Möglichkeiten“ von Elise Noiraud.“

Preisträger 2008–2018

2008 Gustave Akakpo für Die Aleppo-Beule | Habbat Alep

2009 Evelyne de la Chenelière & Daniel Brière für Eine Frage der Einstellung | Le Plan américain

2010 Jennifer Tremblay für Die Liste | La Liste

2011 Gustave Akakpo für Stein für Steinchen | À petites pierres

2012 William Pellier für Wir Waren | La vie de marchandise

2013 Guillaume Corbeil für Man sieht sich | Nous voir nous

2014 Valère Novarina für Homo Automaticus: Der Monolog des Adramelech | Le Monologue d‘Adramélech

        & David Paquet für Open House

2015 Suzanne Lebeau für Gretel und Hänsel | Gretel et Hansel

2016 Fabrice Melquiot für Schwanengesänge | La Grue du Japon

2017 Sébastien David (Autor) und Frank Weigand (Übersetzer) für Schwingungen | Les haut-parleurs

2018 Mishka Lavigne (Autorin) und Frank Weigand (Übersetzer) für Hafen | Havre